TouchLife beim IASAT Kongress
Zusammengefasst von Frank B. Leder
Durch unsere Mitgliedschaft in der DGfBM Deutsche Gesellschaft für Berührungsmedizin und den Austausch mit Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen sind wir auf die IASAT International Associaton for the Study of Affective Touch aufmerksam geworden.
Was versteht man unter „Affective Touch“?
Affective Touch? Die englische Bezeichnung lässt sich nicht ohne weiteres sinnvoll ins Deutsche übersetzen. Die Bedeutung umfasst zärtliche, einfühlsame, soziale oder liebevolle Berührung. Weitere Umschreibungen sind achtsame Berührung, Bindungsberührung, therapeutische Berührung oder C-taktile Stimulation. Sie dient nicht nur der taktilen Wahrnehmung, sondern auch der emotionalen Kommunikation. Solche Berührungen fördern Bindung, lindern Stress, unterstützen Heilung und tragen wesentlich zum psychischen Wohlbefinden bei. Diese Berührungsqualitäten erforschen und betonen wir auch bei TouchLife. So ist zum Beispiel die Achtsamkeit einer der fünf Pfeiler der TouchLife Methode.
TouchLife und IASAT Kongress Jena, 9.-11. Juni 25
An einer wissenschaftlichen Konferenz über Berührung teilzunehmen, zog mich an. Es war mir ein Anliegen, durch meine Teilnahme das internationale TouchLife Massage-Netzwerk in diesen Kontext zu bringen. Unser TouchLife Lehrer-Kollege, Jörg Henkel, nahm ebenfalls am Kongress teil; wir hatten im Vorfeld bei den Veranstaltern eine Präsentation seiner Studienarbeit über TouchLife angemeldet (s.u.). Es war schön für mich, mit Jörg gemeinsam nach Jena zu reisen und mich mit ihm über die Eindrücke direkt austauschen zu können.
Jörg und mir gefiel die Offenheit der Wissenschaftscommunity; es war leicht, miteinander ins Gespräch zu gehen. Die Atmosphäre war von Neugier, Respekt und Toleranz gesprägt. Meiner Beobachtung nach spielten für die ca. 150 Anwesenden in ihren Begegnungen Alter, Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, religiöse Überzeugen oder sexuelle Orientierung keine Rolle. Der gemeinsame Nenner: Es geht darum, Wissen zu teilen und Wissen zu mehren. Nur 20% der Teilnehmenden arbeiten therapeutisch mit Berührung bzw. sind als Mediziner praktisch tätig; 80% der Anwesenden/Mitwirkenden dieses Kongresses schauen aus der Adlerperspektive mit wissenschaftlicher Methodik auf das Berührungsthema und können diese auch nicht professionell anwenden. Ich fragte mich, ob sie wenigstens aus eigener Erfahrung wissen, wie sich achtsame Berührung anfühlt.
Wir hörten, fühlten und lernten, was WissenschaftlerInnen, Mediziner, Psychologen, Physiotherapeuten, ganzheitlich-komplementäre Experten und Behandler sowie Ingenieure aus dem technisch-mechanischen Anwendungsbereich der Robotik über Berührung herausfinden (wollen). Die Vorträge dauerten zwischen 10 und 45 Minuten mit kurzen Pausen dazwischen. Das war auch anstrengend. Trotzdem hat sich der Aufwand für uns gelohnt, denn wir haben uns mit interessanten Menschen und Institutionen weiter vernetzt. Unsere Beiträge und Wortmeldungen trugen dazu bei, dass die Forschenden in ihrer kreativen, labortechnischen Arbeitsweise, die über weite Strecken auch einsame Datenrechnerei bedeutet, um die ich sie nicht beneide, daran erinnert wurden: Menschliche Berührung ist durch nichts zu ersetzen.
Mit Prof. Dr. Robert Schleip, dem bekannten und weltweit führenden „Faszienforscher“, haben wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden; wir saßen dann drei Tage nebeneinander und verbrachten die Pausen zusammen. Ich habe Robert dafür gewinnen können, 2026 mit ihm zusammen eine Fortbildung exklusiv für TouchLife Praktiker zu gestalten. Schreibe an team@touchlife.de, wenn du schon im Vorfeld über den Termin informiert werden möchtest.
Wissenschaftliche Tiefenschärfe zum Thema Berührung
Die 2015 gegründete IASAT hat sich zum Ziel gesetzt, die wissenschaftliche Forschung, die Lehre und die Verbreitung von Ideen im Bereich von „Affective Touch“ und verwandter Themen zu fördern. Dazu veranstaltet die IASAT wissenschaftliche Kongresse. 2025 fand zum ersten Mal ein IASAT Kongress vom 9.-11. Juni in Deutschland statt. Veranstalter war die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als Kongressort diente das „Normannenhaus“ (Foto), das uns an Harry Potter und Hogwards erinnerte.
Die fünfte internationale Tagung der International Association for the Study of Affective Touch (IASAT) vereinte über 120 Beiträge von Forschenden aus 17 Ländern (Kongresssprache: Englisch) und beleuchtete die Bedeutung von Berührung aus unterschiedlichsten Perspektiven – von der Molekularbiologie über Psychologie und Robotik bis hin zu Therapie, Pflege und künstlerischer Praxis. Ziel war es, ein umfassendes Verständnis der Rolle von Berührung in menschlichem Erleben und Verhalten zu fördern.
Die IASAT-Konferenz 2025 demonstrierte eindrücklich, wie gefühlte Berührung – ob durch Umarmung, Streicheln, Massage oder robotische und KI-gestützte Schnittstellen – eine zentrale Ressource für Wohlbefinden, Heilung und soziale Verbindung ist. Der transdisziplinäre Austausch reichte von molekularer Grundlagenforschung bis zur komplementären Praxis im klinischen Alltag. Einige Beispiele …
- Prof. Patrick Haggard (UCL) stellte in seinem Vortrag zur Selbstberührung heraus, wie diese das eigene Körperbild stärkt und psychische Stabilität fördern kann. Eine neue robotergestützte Methode erlaubte es, den sensorischen und motorischen Anteil an Selbstwahrnehmung experimentell zu trennen.
- Dr. Zhou-Feng Chen (Shenzhen) präsentierte tierexperimentelle Studien über den Neurotransmitter PROK2, der an angenehmer Berührung beteiligt ist. Mangel dieser Signale führte bei Mäusen zu depressionsähnlichem Verhalten – ein möglicher translationaler Weg zur Therapie.
- Prof. Uta Sailer (Oslo) beleuchtete Ziele und Kontexte menschlicher Berührungen: Ob Stressregulation, soziale Bindung oder emotionale Modulation – affektive Berührung ist ein zentraler Baustein menschlicher Interaktion.
- Prof. Yoel Fink (MIT) wagte einen Ausblick in die Zukunft: Hightech-Fasern und „smarte Textilien“ könnten eines Tages soziale Berührung erkennen und weitergeben – z. B. in Pflege, Telemedizin oder Fernkommunikation.
- Weitere Vorträge über „Social Touch and Mental Health“ zeigten eindrücklich, wie soziale Berührungen Stress puffern, Wohlbefinden steigern und psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder posttraumatische Belastungsstörung beeinflussen. Beiträge befassten sich mit Umarmungen (Ocklenburg), interozeptiver Dysregulation (Salamone), neuropharmakologischer Stimulation (Silani) und Alltagsdaten zur Berührungsvermeidung bei traumatisierten Personen (Peled-Avron) und der neurophysiologischen Grundlage von C-taktiler Stimulation sowie der Herausforderung, Berührung im virtuellen Raum sozial erfahrbar zu machen.
Studie über TouchLife im Kongressprogramm
Jörg Henkel, Leiter der Schule für TouchLife Massage in Darmstadt, stellte im Kongress die Ergebnisse seiner von der Steinbeis-Hochschule Berlin betreute Studienarbeit über die Wirkung von TouchLife Massage auf Senioren im Rahmen einer Poster Präsentation vor. Seine Präsentation wurde mit großen Interesse angenommen.
Die meisten Studien, die in Jena vorgestellt wurden, untersuchten sehr kleine Berührungseinheiten, z.B. das Streichen oder Reiben einer begrenzten Hautfläche auf einem Unterarm im Labor, teilweise ausgeführt von einem Menschen, teilweise rein mechanisch mit einem Pinsel oder Tuch. Solche Studiendesigns können eine vielschichtige Behandlungswirkung nur ansatzweise erfassen.
Jörgs Arbeit gehörte zu den wenigen Studien, bei der über 100 Probanden und über 40 BehandlerInnen beteiligt waren und welche sich mit der Komplexität vollständiger Behandlungen befasst hat. Für mich als Behandler tragen gerade solche Studien dazu bei, die Verbindung von Praxis und Forschung zu ermöglichen und die Anerkennung professioneller, achtsamkeitsbasierter Berührungsarbeit im therapeutischen und gesundheitlichen Kontext zu fördern. Ich habe deshalb auf dem Kongress in Gesprächen „beim Kaffee“ die Forschenden ermutigt, sich bei zukünftigen Forschungsprojekten zur Berührung auch mit „echten und vollständigen“ Behandlungssituationen zu befassen …


Jörg Henkels Poster Präsentation über die Wirkung von TouchLife Massage auf Senioren.

Wir hatten schon voneinander gehört, sind uns auf dem IASAT Kongress aber erstmals persönlich begegnet; schnell merkten wir, dass es viele Übereinstimmungen zwischen uns gibt in der Weise, wie wir auf Massage- und Körperarbeit schauen.
Prof. Dr. Robert Schleip ist Humanbiologe und führender Faszienforscher. Faszien sind bindegewebige Hüllen, die Muskeln, Organe und Nerven umgeben und dem Körper Stabilität, Beweglichkeit und Spannungsregulation verleihen. Schleips Forschung zeigt, dass Faszien reich an sensorischen Nerven sind und gezielt auf Berührung, Dehnung und Massage reagieren – mit weitreichender Bedeutung für Körperarbeit, Schmerztherapie und Bewegungspädagogik.

Von links: Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen, 1. Vorsitzender der DGfBM, Prof. Dr. Robert Schleip, Jörg Henkel, Dr. med. Michaela Arnold, 2. Vorsitzende DGfBM, Frank B. Leder

Dr. Zhou‑Feng Chen forscht am Shenzhen Bay Laboratory, China. Er gilt als Pionier in der Erforschung somatosensorischer Signalgebung – insbesondere der angenehmen Berührung (pleasant touch) und des Juckreizes. Seine Forschung zeigt, wie Berührung Wohlbefinden, sozialen Zusammenhalt und potenziell Therapiekonzepte beeinflusst. Wir sprachen mit ihm über Massage am Arbeitsplatz („finde ich gut“) und über seine Interrail-Erinnerungen als junger Austauschstudent in Deutschland („mein Budget war so knapp, dass ich mir Geld fürs Hotel sparte und bevorzugt in Nachtzügen reiste, um dort schlafen zu können“).
Grußwort von Ilona Croy & Annett Schirmer, Universität Jena, zum IASAT Kongress 2025
„Seit der Gründung im Jahr 2015 der International Association for the Study of Affective Touch (IASAT) hat die Forschung über „Affective Touch“ exponentiell zugenommen und ihren Umfang erweitert. Sie umfasst nicht nur psychologische, neurowissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Studien, sondern befasst sich zunehmend auch mit soziologischen Fragen und Themen im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Berührung. Wir freuen uns sehr, dass die 5. IASAT-Konferenz 2025 in Jena stattfindet. Wir haben ein spannendes Programm mit internationalen Hauptrednern vorbereitet, die ein breites Themenspektrum abdecken.“
Hauptziele der International Association for the Study of Affective Touch
- Die Grundlagenforschung im Bereich von „Affective Touch“ anerkennen und vorantreiben.
- Die Bedeutung von „Affective Touch“ im Laufe des Lebens für die körperliche und geistige Gesundheit, insbesondere in der frühen Entwicklung, anerkennen.
- Die breite Anwendung von „Affective Touch“ in der Erhaltung und Behandlung der psychischen Gesundheit sowie in Bereichen, die die frühe Entwicklung beeinflussen (z. B. Erziehung, Bildung), fördern.
- Die IASAT möchte interdisziplinäre und öffentliche Veranstaltungen unterstützen und sowohl qualitative als auch quantitative Forschung fördern.
TouchLife unterstützt als institutionelles Mitglied die Deutsche Gesellschaft für Berührungsmedizin.

