Bericht über die Massagearbeit mit einem schwerbehinderten, taubblinden Klienten

Die folgende Geschichte aus der Welt der Berührung ist dem Buch „Glücksgriffe – Balance für Körper und Geist mit der TouchLife Massage“ entnommen. Es enthält ca. 70 authentische Massageerlebnisse/Fallbeispiele und erschien 2009 im Verlag naturaviva.

Die Geschichte ist erschütternd. Die Behandlerin hat sich mit bewundernswertem Mut und großer Intuition mithilfe der Sprache »Berührung« einem mehrfachbehinderten Mann genähert, der aus medizinischer Sicht als »unerreichbar« eingestuft wurde, weil er bei mehreren Untersuchungen anscheinend nicht in der Lage war, Empfindungen wahr­zunehmen. Etwas in ihr war nicht bereit, sich damit abzufinden. Diese Arbeit brachte die Behandlerin an die eigenen Grenzen, sie hatte Scham, Abscheu und Grauen zu überwinden. Es gelang ihr, dem hohen Anspruch, jedem Menschen in Würde zu begegnen, treu zu bleiben. Ihr Bericht geht unter die Haut, er schenkt aber auch Zuversicht. Wenn Menschen wollen, finden sie einen Weg zueinander …

Bericht über meine Arbeit mit einem schwerbehinderten, taubblinden Klienten
von Martina Bisdorf

„Seit fünf Jahren massiere ich regelmäßig einen 65-jährigen schwerbehinderten Klienten in einem christlich orientierten Pflegeheim für sinnesbehinderte Menschen. Viele Bewohner sind taub und blind oder zumindest in diesen Sinnen sehr stark eingeschränkt. Bei den meisten meiner Klienten kommt noch eine geistige Behinderung oder Altersdemenz hinzu. Kommunikation findet, soweit möglich, über das Lormen, die offizielle Taubblindensprache, statt. Dabei werden Buchstaben nach einem bestimmten Schema in die Handfläche getastet. Sind die Menschen aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage zu lormen, müssen wir uns auf die Körpersprache und unsere genaue Beobachtung verlassen.

Die Entstehung dieses eher nüchtern formulierten Berichtes hat folgenden Hintergrund: Die Betreuerin dieses Klienten (sein gesetzlicher Vormund), hat mich nach einem Gespräch gebeten, die Entwicklung und Beobachtungen seiner Reaktionen auf Massage und Berührung zu schildern, und zwar möglichst so trocken, dass auch Juristen oder Ärzte den Bericht nachvollziehen können. Mein Klient wurde im Laufe seines Lebens schon mehreren renommierten Neurologen und Psychiatern vorgestellt, die – vor allem durch den Einsatz von Apparatemedizin – einstimmig zu dem Ergebnis gekommen waren, dass dieser Mensch aus medizinischer Sicht überhaupt nicht in der Lage sei, irgendwelche körperlichen Empfindungen wahrzunehmen.

Dazu muss ich folgendes erläutern: Mein Klient wurde 1944 schwer geistig und körperlich behindert geboren. Aus Scham und Angst, während und nach der Zeit des Dritten Reiches ein behindertes Kind zu haben, wurde er von seinen Eltern in einem Verschlag versteckt. Wahrscheinlich ist er dort ohne jegliche Zuwendung aufgewachsen. Er hat ein stark verkleinertes Gehirn und gleicht in Körperhaltung und Verhaltensweisen eher einem hospitalisierten Tier. Inwieweit mein Klient hören kann, wissen
wir nicht genau. Sicher ist, dass er nichts sehen kann. Er kann sich nicht verbal äußern, gibt also nur Laute von sich. Durch seine stark eingeschränkte Körperhaltung ist er nicht in der Lage, aufrecht zu gehen. Er robbt sich auf allen Vieren fort. Dementsprechend ist sein Körper stark deformiert und seine Beinmuskulatur völlig zurückentwickelt.

Vor etwa zehn Jahren, nach dem Tod seiner Mutter, wurde er schließlich aufgefunden und nach meh- reren Stationen in die Einrichtung gebracht, in der er jetzt lebt. Dort hat man ihm in einem schönen, hellen Raum eine Art großen, gemütlichen Laufstall mit Matratzen und Kissen eingerichtet, in dem er sich offensichtlich recht wohlfühlt. Die Betreuung durch das Pflegepersonal ist liebevoll und fürsorglich.

Meine Massagearbeit mit geistig- und sinnesbehinderten Menschen ist vielschichtig und reicht manchmal bis hin zur Sterbebegleitung. Die Basis meiner Arbeit ist der absolute Respekt vor dem mir anvertrauten Wesen und meine Verneigung vor dessen Schicksal, das ich so, wie es ist, anerkenne.
Nur Mitgefühl oder gar Mitleid reichen dafür nicht aus. Auf diese Art ist es ein Geben und Nehmen und ich kann Abstand wahren. Ich lerne viel von diesen Menschen, unter vielem anderen auch, dass
ich nicht ständig über meine Kräfte gehen kann, ohne für mich selbst zu sorgen. Auch führen meine Klienten mich oft an die Grenzen des Erträglichen, was nicht zuletzt mit Ekel, Abscheu und den eigenen Abgründen zu tun hat. Ich muss mich dann jedes Mal aufs Neue entscheiden, ob ich mich überwinden kann und will oder ob für den Moment meine Grenze erreicht ist. Viele Massagen fühlen sich an wie Gratwanderungen; übertrete ich den Grat, so kann es gefährlich werden.

Anfangs habe ich mich gefragt, warum ich diese Arbeit, zu der ich einfach hingeführt wurde, weiter- mache, obwohl sie mich so viel Energie kostet. So hatte ich es mir eigentlich nicht vorgestellt. Aber
es gab in mir einfach dieses Gefühl, dazubleiben sei jetzt richtig, auch wenn ich mir oder anderen, die mich darauf angesprochen hatten, keine Antwort auf das Warum geben konnte. Es war für mich eben stimmig. Diese Menschen, mit denen ich nonverbal kommuniziere, ohne alles zu zerreden, haben mich gelehrt, mein Herz zu öffnen.

Seit fünf Jahren behandle ich meinen Klienten einmal wöchentlich nach der Methode der ganz- heitlichen TouchLife Massage. Ich nehme mir insgesamt etwa 45 Minuten Zeit für ihn, wobei die reine Massagezeit etwa 30 Minuten beträgt. Mein Klient hat die Massage von Anfang an sehr gut angenommen. Er reagiert im Allgemeinen positiv auf jegliche Art von Berührung, was mir auch vom Pflegepersonal bestätigt wurde.

Wenn mein Klient wach ist und ich seinen Wohnbereich betrete, nimmt er in der Regel schon vor dem Körperkontakt wahr, dass ich im Raum bin. Oft hebt er seinen Kopf und dreht das Gesicht in meine Richtung. Ich beginne, den Körperkontakt aufzubauen, zunächst über die Kleidung, das heißt ich lege meine Hände langsam auf seine Schultern und lasse sie dort eine Weile ruhen (Haltegriff). Meist räkelt er sich dann oder atmet tief durch. Das ist ein Zeichen für mich, dass ich mit der Massage beginnen kann.

Nachdem ich seinen Oberkörper frei gemacht habe, beginne ich behutsam mit der Massage. Bei meinem Klienten massiere ich in der Regel den Rücken und den Schulter-Nacken-Bereich sowie die Arme, da er dort aufgrund seiner Körperhaltung die meisten Verspannungen hat. Bei den meisten Massagen beobachte ich, wie sich bei ihm mehr und mehr Entspannung einstellt, je länger ich ihn massiere. Dies leite ich aus folgenden Reaktionen ab: Sein Atem vertieft sich, er räkelt sich, seine Körperhaltung und die Muskulatur entkrampfen sich zunehmend. Meist beginne ich die Massage während er kniet, also sein Oberkörper aufgerichtet ist. Mit zunehmender Entspannung und Entkrampfung ändert sich auch seine Körperhaltung. Häufig legt er sich hin, auf den Bauch oder die Seite.

Im Laufe der Massage, wenn ihm ein Massagegriff an einer bestimmten Körperstelle besonders gefällt, äußert er Laute des Wohlbefindens oder lutscht verstärkt an seinen Fingern oder seiner ganzen Hand. Dieses Lutschen interpretiere ich als Selbststimulation und Äußerung des Wohlgefühls. Häufig tut er dies auch nach der Massage, wenn ich den Raum verlasse. Oft streckt er mir ein Körpersegment entgegen, wenn er dort weiter massiert werden will, z.B. eine Schulter oder den Kopf. Auf dieser Ebene findet Kommunikation zwischen uns statt.

Ebenso zeigt mir mein Klient deutlich, welche Berührungen ihm unangenehm, zu fest oder auch zu sanft sind. Dann schreit oder weint er oder er schlägt sich mit der Hand gegen den Kopf. Auf solche Äußerungen reagiere ich, indem ich die Massage für einen kurzen Moment unterbreche. Ich beobachte seine Reaktion. Hält das Kopfschlagen an, massiere ich ihn an einer anderen Stelle behutsam weiter. Meist hört er dann damit auf. Das bedeutet, dass ich ihn offensichtlich zuvor an einer ungewünschten Stelle oder mit nicht angemessenem Druck massiert habe. Hört das Schlagen jedoch auf, wenn ich die Massage unterbreche, so wünscht er meist, dass ich aufhöre zu massieren. Beginne ich dann, ihn an einer anderen Körperstelle oder mit verändertem Druck zu massieren, setzt das Schlagen wieder ein. Ein deutliches Zeichen für mich, dass er nun einfach keine Berührung mehr wünscht. Selbstverständlich beende ich dann die Sitzung. Mein Klient ist also durchaus in der Lage, in einer solchen Situation über sich selbst zu bestimmen, und ich respektiere das.

Seine ablehnende Haltung kommt allerdings relativ selten vor. Meist ist dann der Zeitpunkt für die Massage ungünstig. So hat er in solchen Fällen etwa zuvor fest geschlafen und ich musste ihn wecken oder er hat sich von einer Krankheit noch nicht ganz erholt. Während einer Krankheitsphase massiere ich ihn – in Absprache mit dem Pflegepersonal – grundsätzlich nicht.

Meistens lässt mein Klient sich bereitwillig für die Massage den Oberkörper frei machen. Nach etwa einem halben Jahr hat seine Mithilfe dabei in den meisten Fällen zugenommen. Oft streckt er die Arme nacheinander hoch, sodass ich die Ärmel besser ausziehen kann. Auch beim Anziehen nach der Massage hilft er manchmal mit. Häufig ist er jedoch in einer so tiefen Entspannung, dass er einfach gar nichts tun möchte. Ist er einmal nicht bereit, sich ausziehen zu lassen, nimmt er auch anschließend die Massage nicht so gut an. Dann löst sich entweder dieser Widerstand mit zunehmender Entspannung während der Massage oder er zeigt mir, wie oben beschrieben, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Berührung wünscht.

Ich kann noch nicht eindeutig sagen, ob mein Klient auf Düfte reagiert. Ich arbeite mit natürlich aromatisierten Ölen, denn gerade bei der Arbeit mit sinnesbehinderten Menschen spielt der Duft oft eine große Rolle, z. B. auch als Wiedererkennungsfaktor. Manchmal streckt er seine Nase näher in Richtung meiner Hand, wenn ich ihn am Öl riechen lasse, manchmal kommt überhaupt keine Reaktion. Ich konnte bisher auch noch keine unterschiedlichen Reaktionen auf unterschiedliche Düfte feststellen. So ähnlich geht es mir mit der Musik. Dennoch lasse ich meistens leise Entspannungsmusik im Hintergrund laufen.

Dass mein Klient auf Berührung reagiert, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne, halte ich für eindeutig. Ebenso besteht für mich kein Zweifel daran, dass er mit den ihm zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten sehr deutlich seinen Willen äußern kann. So ist für mich als TouchLife Praktikerin und für ihn als Klient nonverbale Kommunikation möglich, die mit zunehmender Vertraut

heit immer differenzierter geworden ist. Die Verbindung, die zwischen uns entstanden ist, ist für beide Seiten gleichermaßen wertvoll. Ich glaube, ich darf sagen, wir sind uns ans Herz gewachsen.“

Frank B. Leder & Kali Sylvia von Kalckreuth:
„Glücksgriffe“ – Balance für Körper und Geist mit der TouchLife Massage

Grundlagen ganzheitlicher Massage
Erklärt, warum Berührung wirkt und (fast) allen Menschen gut tut
70 Erfahrungsberichte aus 20 Jahren Praxis

In den „Glücksgriffen” beschreiben die Autoren das ganze Potential der Massagearbeit. Das Buch ist eine Inspiration für Menschen, die mit Berührung arbeiten und spannend für jeden, die sich gerne massieren lässt! Ein Plädoyer für das, was Menschen berührt und eine Würdigung jener, die Berührung in den Mittelpunkt ihres Berufes stellen. Kaum ein Lebensbereich, in dem die TouchLife Massage nicht Einzug gehalten hat! Viele Erlebnisse machen beim Lesen Gänsehaut.

200 Seiten
Farbige Gestaltung mit Fotos
Format 190 x 245 mm, Hardcover
Preis in Deutschland € 22,80

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